Vom Paradies zum Patriarchat: Die Auswirkungen der Saharasia-These

Saharasia These

Die Saharasia-These von James DeMeo stellt eine Theorie dar, die versucht, die Ursprünge von Gewalt und sozialer Unterdrückung in der Menschheitsgeschichte zu entschlüsseln. DeMeo zufolge war es ein dramatischer Klimawandel vor etwa 6000 Jahren, der das Antlitz der Welt grundlegend veränderte und weitreichende Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft hatte. Die Geschichte beginnt in einer Zeit, als die heutigen Wüstenregionen der Sahara, des Nahen Ostens und Zentralasiens noch üppige, wasserreiche Landschaften waren. Diese Gebiete ermöglichten den Menschen ein friedliches und reichhaltiges Leben. Doch dann kam es zu einer katastrophalen Klimaveränderung: Die einst grünen Landschaften verwandelten sich in trockene, lebensfeindliche Wüsten. Dieser radikale Wandel zwang die Menschen, ihre Lebensweise komplett umzustellen.

DeMeo arbeitete heraus, wie dramatisch diese Umweltveränderungen die menschliche Psyche und soziale Strukturen beeinflussten. Mit der zunehmenden Trockenheit und Ressourcenknappheit begannen die Menschen, um das Überleben zu kämpfen. Gemeinschaften, die einst in Harmonie lebten, mussten sich gegen Angriffe verteidigen und wurden selbst aggressiv, um neuen Lebensraum zu erobern. Friedliche Koexistenz wich Gewalt und sozialer Unterdrückung.

Es folgte die kollektive Panzerung nach Wilhelm Reich

Hier kommt die Theorie des Psychoanalytikers Wilhelm Reich ins Spiel. Reich entwickelte das Konzept der „Panzerung“ – die Vorstellung, dass Menschen emotionale und körperliche Abwehrmechanismen entwickeln, um sich gegen schmerzliche Erfahrungen zu schützen. DeMeo integriert Reichs Theorie in seine Saharasia-These und argumentiert, dass die extrem veränderten Umweltbedingungen eine kollektive Panzerung zur Folge hatten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Diese Panzerung äußerte sich in gesteigerter Aggressivität, autoritären Strukturen und der Unterdrückung natürlicher, lebensbejahender Impulse.

Der Prozess der kollektiven Panzerung führte zur Entstehung patriarchaler Gesellschaftsstrukturen. In diesen neuen sozialen Ordnungen dominierten Männer, während Frauen und Kinder unterdrückt wurden. Die Gleichberechtigung, die in den früheren, friedlicheren Zeiten geherrscht hatte, wich einem System, in dem Macht und Kontrolle das oberste Gebot waren. Frauen wurden ihrer Rechte beraubt und auf häusliche und untergeordnete Rollen beschränkt, während Kinder strengen und oft gewaltsamen Erziehungspraktiken unterworfen wurden. DeMeo sieht in diesen brutalen Umweltbedingungen die Wurzeln patriarchaler Gesellschaftsstrukturen, die durch Gewalt, Dominanz und Unterdrückung gekennzeichnet sind. Er sieht hierin gar die Ursprünge der heutigen sozialen Konflikte und Kriege sowie den gestörten Bezug zur Sexualität in der modernen Gesellschaft.

Bernd Senf sagt hierzu Folgendes:

[…] Verfügt der Mensch über hinreichende Macht, so wird er das Lebendige tendenziell zerstören; und dies nicht primär aus rationalen Überlegungen heraus, sondern aus der unbewußten Tiefe seiner emotionalen Struktur. Die scheinbar rationalen Begründungen und Legitimationen für sein Handeln sind lediglich eine Folge der emotionalen Struktur. Der gepanzerte Mensch wird sich entsprechend eine Fülle von Ritualen, Institutionen, Gesetzen und von sozialen Strukturen schaffen, wird Ideologien, Glaubenssysteme und Religionen her vorbringen oder übernehmen, die die Zerstörung des Lebendigen bewirken und legitimieren, und er wird an all das mit fester Überzeugung glauben und es gegenüber Andersgläubigen mit Gewalt durchzusetzen versuchen. […]

Diese Einschätzung von Bernd Senf kommt einem doch sehr bekannt vor…, oder nicht?

Untermauert wird DeMeos These durch Höhlenmalereien: In jener friedvollen Zeit, die vielleicht das „Paradies“ war, zeigten diese Malereien runde, harmonische Zeichen und Bilder sowie Frauen als würdevolle, liebende Wesen. Nach der Klimakatastrophe wichen diese Darstellungen eckigen Waffen-, Pferd- und Kriegerdarstellungen (siehe Bild).

Diese neuen sozialen Ordnungen breiteten sich von den Kernregionen der Sahara, des Nahen Ostens und Zentralasiens aus und beeinflussten schließlich nahezu alle Teile der Welt, bis auf wenige Ausnahmen wie beispielsweise einige Stämme tief im Urwald oder auf entlegenen Hochebenen (wie die Trubriander oder die Muria im Hochland Indiens). Noch immer herrschen die extremsten patriarchalischen Strukturen in der Region des Nahen Ostens, und je weiter entfernt, desto später fand die Gewalt Einzug. Weit entfernte Inseln wie England oder Japan wurden erst viel später von den neuen machtbestimmten und autoritären Zuständen heimgesucht. Unterstützt wird die Saharasia-These durch archäologische Funde und historische Aufzeichnungen, die einen deutlichen Wandel in den Lebensbedingungen und sozialen Strukturen dieser Regionen belegen.

Der Mensch ist im Ursprung ein friedliches Wesen

Die Saharasia-These erinnert uns daran, dass unsere heutige Welt und unser Umgang miteinander das Ergebnis einer langen Reihe von Ereignissen und Konsequenzen sein könnte. Sie zeigt, dass der Mensch ursprünglich ein friedvolles Wesen ist, dessen natürliche Neigung zu Harmonie und Gemeinschaft durch extreme äußere Umstände verzerrt wurde. Dies gibt uns Hoffnung und Zuversicht, dass wir, indem wir diese tief verwurzelten Mechanismen verstehen und überwinden, eine neue Welt schaffen können, in der Frieden und Gleichberechtigung wieder im Vordergrund stehen.

Copyright: Alex Miller

Das Beitragsbild wurde erstellt mit Midjourney V6

Comments

  1. Anja says:

    Vielen lieben Dank für diesen wichtigen und wundervollen Beitrag.

    Daß jetzt das Patriarchat endet und bald das Matriarchat herrscht, ist mit Sicherheit nicht anzunehmen, denn das Matriarchat führte durch das Fehlen des Göttlich-Männlichen ins Patriarchat.

    Es wird ein neues ganzheitliches Paradigma sein, welches Matriarchat und Patriarchat im Kosmonarchat zur Synthese führt, denn nur die Ausgeglichenheit und das Vorhandensein beider Kräfte führt uns zurück ins Paradies.

    Es werden die Weiber nicht alleine sein, die einen Kulturwandel zu einem potenzialentfaltenden Zusammenleben erwirken können. Vielleicht werden es aber die Weiber sein, die ihre urweibliche Kraft entfalten, welche die Männer in ihrem urgöttlichen MannSein stärken und ermutigen, sich in ihrer Autorität zu erheben und voranzuschreiten, um
    gemeinsam eine solche Gemeinschaft aufzubauen.

    ❣Das Weib braucht den Mann.
    Der Mann braucht das Weib.
    Dies zuzugeben (wie es Bert Hellinger ausführt), ist der wohl schwierigste Schritt.

    Es ist die Unterordnung unter dem Gesetz der Polarität, welches uns in die Einheit, ins EinsSein führt. Es ist die Erkenntnis, daß kein Entweder Oder, sondern nur ein Sowohl als Auch (eine harmonische Ausgewogenheit beider Pole und Kräfte) das Himmelreich auf Erden bringen wird.

    Das Weib braucht die göttlich männlichen Gaben, um heil und ganz zu werden.
    Der Mann braucht die göttlich weiblichen Gaben, um heil und ganz zu werden, um in seine Kraft zu kommen, um geistig göttliche Führung zu sein und die Menschen aus der satanischen Verführung herauszuführen. 

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